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Außergewöhnlich: Selten zuvor hat der Stuttgarter Tatort den Zuschauern mit so viel schwarzem Humor den Spiegel vorgehalten, dass das Lachen im Hals stecken bleibt. Wie konnte es so weit kommen?

Eine Gesellschaft zwischen bieder und bio

Stuttgart Ostfildern: Ein paar erwachsene Yuppies hatten die super Idee, gemeinsam als Verein „Oase“ ein Haus zu bauen. Aber – dumm gelaufen – die Öko-Abdichtung untenrum hält nicht, und nun muss der ganze Kram freigebaggert werden. Noch bevor klar ist, ob die Unter-Unter-Gruppe „Hausbau“ das zu verantworten hat, buddelt der Bagger ein anderes Problem aus: Sie haben eine Leiche im Keller, bzw. an der Kellerwand.

Wie sich das für die schwäbisch-biedere Öko-Spießer-Häuslebaugemeinschaft gehört, wird sehr emotional darüber geredet, was die Leiche nun mit der Öko-Gruppendynamik macht, so vom Gefühl her: „Eins ist sicher, die Leiche, die gehört jetzt mit zur Gemeinschaft, die geht nimmer weg.“

Was zunächst nach einem Problem aussieht, ist keines, denn das schlechte Karma des Hauses lässt sich ja „für sehr wenig Geld“ wegpendeln, es braucht dazu nicht mal eine Wünschelroute. Na also, so wird es gemacht, damit endlich alles wieder spirituell gereinigt ist.

Die Wahrheit ist Abstimmungssache

Jeder Zuschauer ahnt es bis hier: Diese Freaks treffen auf unsere allerbesten Vorurteile. Sie wollen gut angezogene Hipster sein, sind aber in Wahrheit übertrieben biedere Hippie-Fetischisten, die mit Gruppendiskussion allem auf den Grund gehen. Das merken übrigens auch die sehr feinsinnigen Kommissare Lannert und Bootz, die in diesem Tatort kaum zum Ermitteln kommen. Alles hier wirkt wie aus einer Social-Media-Verschwörungs-Selbsthilfegruppe. Jeder darf seinen verschwurbelten Wahnsinn mal zum Besten geben. Dann wird basisdemokratisch abgestimmt, ob’s auch echt wahr ist.

Unter diesen sehr seriösen Umständen ist der Gruppe bald klar, wer die Leiche ist. Und es kommt, wie es kommen muss: Die Gruppendynamik fließt voller Harmonie zu der Analyse, ob es denn in ihren Reihen einen Mörder geben könnte.

Sind wir Zuschauer denn besser?

Der Tatort wühlt sehr schön im Ego-Dreck der drittklassigen Vorstadt-Kleinbürgerlichkeit. Immer weiter wird die Absurdität dieser Gruppentherapie gedreht, und erst sehr spät merken wir Zuschauer, dass wir irgendwie auch Teil davon sind. Denn dieser Tatort hält uns einen Spiegel vor die Nase: Sind wir in Wahrheit auch so bieder und glauben wir auch – viel zu schnell – all den verrückten Wahnsinn, den sich irgendwer zusammenspinnt, so lange es einigermaßen ins eigene Weltbild passt? 

Der Tatort zeigt auch, dass das echte Leben inzwischen ist wie Social Media. Vom Leugner bis zum Messias, vom Verschwörungstheoretiker bis zum Opfer: Alles da. LOL!!!

Ein Krimi auf der Höhe unserer Zeit

Am Ende ist es eine extrem unterhaltende, scharfsinnige, feine Beobachtung des Gutbürgertums. Ich danke den Stuttgarter Tatort-Autoren, dass sie sich allen Mut zusammengenommen haben und dem angestaubten Schwaben-Tatort sehr intelligente, witzige und unterhaltende Momente mitgegeben haben. Diese Auffrischung war nötig und hätte man sich schon viel früher von anderen Tatorten abschauen müssen.

Bitte, bitte weiter so. Hört nicht auf damit, fallt nicht zurück zum Krimi-Durchschnitt das nächste Mal. Holt auch die weiteren Tatorte raus aus der biederen Ernsthaftigkeit von früher – das ist echte Netflix-Konkurrenz. Ich jedenfalls habe sehr gelacht, und ein unvorhersehbarer Krimi war es am Ende auch. Einfach grandiose Sonntagabend-Unterhaltung, 5 von 5 Elchen. 

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