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„Das hier ist mein Zuhause und ich will und werd' nicht weggehen.“ Der Kampfgeist ist noch da, die Zeit macht aber mürbe. Menschen aus dem Ahrtal haben uns ihre Geschichten erzählt; was gut voran geht, was schwer ist, und was sie wütend macht.

Update: So geht es dem Ahrtal ein Jahr nach der Flut

Wer im Ahrtal unterwegs ist, kann kaum glauben, dass die Hochwasserkatastrophe schon fast ein Jahr her ist: An vielen Stellen ist die Zerstörung noch sichtbar, der Wiederaufbau stockt immer wieder. Die Erschöpfung ist bei vielen Menschen vor Ort spürbar.

Jakob Reifenberger hat die Menschen getroffen und lässt sie mit ihren Geschichten, ihrem Leben seit der Flut zu Wort kommen. Was haben sie seitdem erlebt? Wie geht es ihnen heute? Was hat sich verbessert, was macht sie wütend? Bewegende Geschichten aus dem neuen-alten Alltag:

Das Ahrtal 2022: Die Zeit macht mürbe

Das hier ist mein Zuhause und ich will und werd nicht weggehen. [...] Nein, wir bleiben hier, wir bauen wieder auf. Vielleicht nicht so wie vorher. Vielleicht schöner, vielleicht abgespeckter, das kann ich dir jetzt noch nicht beantworten, aber nein, ich gehe nicht weg.

Das Restaurant von Roberto Lauricella ist eine Ruine, aufgeben kommt für ihn aber nicht infrage. Und trotzdem ist die Stimmung eine ganz andere, als im Herbst letzten Jahres. Auch damals hat SWR3 Lauricella auf seinem Weg begleitet:

Nach der Flut setzte eine große Solidarität ein: „Man kriegt Hilfe ohne Ende, das hab ich auch noch nicht erlebt.“, haben uns Menschen in Interviews gesagt. Mit anpacken und über sich selbst hinauswachsen hat zusammengeschweißt: „Ich habe am Anfang auch nicht gedacht, dass ich so einen Bohrhammer bedienen kann, aber mittlerweile machts auch Spaß!“ Und der große Schock nach der Katastrophe hat sich, trotz allem Schrecken mit den vielen Hilfskräften mit ein wenig Hoffnung vermischt: „Ich glaub' wieder mehr an das Gute im Menschen.“, sagte eine freiwillige Helferin.

Auch als die Helferinnen und Helfer ab Herbst weniger wurden, war der Mut der Anwohner enorm. Ein Gefühl von „Ja, alles sieht schrecklich aus, matschig, grau, aber es geht weiter!“ lag in der Luft. Restaurantbesitzer Roberto Lauricella sagte damals:

„Wir können sagen ‚uns geht’s gut‘ und wir versuchen auch, ein Hoffnungsschimmer zu sein für andere. […] Wir Lauricellas sind Arbeiter, wir sind Macher; und dann mit vollem Elan zurück und Pizzacontainer eröffnet!“

Inzwischen ist es andersrum: Draußen ist es hell, grün, die Natur blüht auf, aber die Stimmung vor Ort ist mies. In die standhaften Vorsätze vieler Bewohner, nicht wegzugehen, mischen sich Wut, weil Hilfsgelder nicht ankommen und Verzweiflung, weil alles so viel länger dauert als gedacht.

Auf die Frage „Wie geht’s?“ gibt es die Antwort „Beschissen geht’s!

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses SWR3 Report Ahrtal: Restaurantbesitzer ist „mental am Anschlag“

Dauer

SWR3-Reporter Jakob Reifenberger hat sich fast ein Jahr nach der Flutkatastrophe erneut auf den Weg ins Ahrtal gemacht. Wie geht es den Menschen dort? Ihre Geschichten und die Eindrücke unseres Reporters könnt ihr in unserer Podcast-Reihe SWR3 Report: Ahrtal – Leben nach der Flut anhören:

SWR3 Report Ahrtal (Foto: SWR3)

SWR3 Report Ahrtal – Leben nach der Flut

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Notunterkunft: Zu fünft im Tiny House auf dem Parkplatz

Als SWR3-Reporter Jakob Reifenberger mit dem Arbeiter-Samariterbund telefoniert, erfährt er, dass auch nach einem Jahr noch 384 Menschen in Notunterkünften leben. Und das nicht insgesamt, sondern allein in den Unterkünften dieses Bundes. Andere Vereine haben eigene Notunterkünfte. Gesammelte Zahlen dazu gibt es nicht, denn jede Kommune zählt für sich und Menschen, die privat untergekommen sind, werden nirgends erfasst.

Zu den Menschen in den Notunterkünften gehört auch Familie El-Bayyari. Sie lebt zu fünft auf 38 Quadratmetern. Ihr aktuelles „Zuhause“ ist ein Tiny House, das in einer Reihe mit 17 weiteren kleinen Häusern steht. Die Konstellation ist bizarr: Das Holz ist noch ganz frisch und hell, die Häuser wirken wie eine nagelneue Ferienanlage. Es sind aber Notunterkünfte auf dem ehemaligen Parkplatz eines Schwimmbads. Der Parkplatz wird nicht mehr gebraucht, denn das Schwimmbad wurde bei der Flutkatastrophe auch zerstört.

Verlockend mag man meinen, Notunterkünfte, die an Ferienhaussiedlungen erinnern, können nicht allzu schlecht sein. Der Alltag holt diese Stimmung aber bald ein. Zu fünft auf 38 Quadratmetern ist die Liste der Einschränkungen lang. Mutter Elif kann beispielsweise nicht kochen, wenn der Jüngste in seinem Bett liegt. Der Topf steht in einer Kiste unter dem Bett der Eltern, weil der Schrank in der Küche zu klein ist. Um an die Kiste zu kommen, muss sie vorher das Kinderbett wegschieben.

Trotzdem ist sie froh über das Tiny House: Ihre Kinder seien wieder gesund. Nachdem in der Wohnung unter ihrer eigenen im alten Haus das Wasser stand, hat sich der Schimmel ausgebreitet und die Kinder waren ständig krank. Sie wissen nicht, ob sie jemals wieder in ihre Wohnung zurückkönnen. In der neuen Nachbarschaft haben die Kinder andere Kinder zum Spielen gefunden. Für Elif ist das das Schönste an der neuen Wohnsituation.

Bis September wollen sie aber wieder raus sein aus der Notunterkunft. Dann endet Elifs Elternzeit. Wenn sie beide wieder arbeiten, hoffen sie, etwas Größeres zu finden.

Als ich mich von den El-Bayyaris verabschiede, bin ich tief beeindruckt, wie sie hier ihren Alltag hinkriegen – auf so engem Raum mit ungewisser Zukunft, ohne völlig durchzudrehen.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses SWR3 Report AHRTAL: Familie im Tiny House

Dauer

Von der zerstörten Schule ins Container-Dorf: „Hier sieht es aus wie im Knast“

Die etwa 800 Schülerinnen und Schüler des Are-Gymnasiums legten im vergangenen Jahr einiges an Wegstrecke zurück: Weil ihre Schule bei der Flut zerstört wurde, wechselten sie sich mit den Schülerinnen und Schülern einer Schule in der Stadt Remagen ab, für jede Gruppe gab es einen halben Tag Unterricht. Das Are-Gymnasium selbst stand damals meterhoch in Wasser und Schlamm. Schulleiter Heribert Schieler sagte auf die Frage, was sie am dringendsten benötigen im SWR3-Interview: „Ja, eine Schule.“

Seit Beginn des Jahres werden die Schülerinnen und Schüler in einer Containerschule unterricht, in fast 300 Containern. Die stehen mitten in einem Acker, am Rande eines Industriegebiets der Gemeinde Grafschaft. Hausnummer: 0. In langen Reihen stehen dort jetzt die aufeinander gestapelten minzgrünen Baustellencontainer. Dahinter gibt es noch drei Hallen, ähnlich wie man sie von Messen kennt: Sporthalle, Mensa und die naturwissenschaftlichen Räume. Ein großes Problem waren auch die Schulbusse. „Das war die ersten drei Monate eine Katastrophe“, sagt Schulleiter Schieler. Busse, die einfach nicht kamen, Busfahrer, die von den Kindern per Handy gelotst werden mussten. „Die ersten Wochen haben wir die Kinder mit dem Taxi heimfahren lassen.“ Es sei vorgekommen, dass abends um halb sieben im Januar bei -10 Grad 50 oder 60 Kinder vor der Schule standen und nicht abgeholt wurden. Die Containeschule ist keine kurzfristige Lösung – nach Prognose des Schulleiters kann der Unterricht im Are-Gymnasium noch die nächsten fünf Jahre auf dem Acker stattfinden. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind zwar nicht begeistert von den Containern, finden den Unterricht dort aber besser als in die Schule nach Remagen zu fahren.

Die Container bewegen sich auch sehr krass, das heißt, wenn kleine Kinder im Flur laufen, dann spürst du das in den Klassenräumen, man wackelt schon krass.

Ein Schüler beschreibt die Container so: „Hier sieht es aus wie im Knast.“ Es gibt aber auch einen Lichtblick: „Das Wlan ist grandios.“

SWR3 Report Ahrtal: Leben nach der Flut (Foto: SWR3, Ferdinand Vögele)
Viele Straßen im Ahrtal sehen noch immer provisorisch aus. Ferdinand Vögele Bild in Detailansicht öffnen
Der Wiederaufbau läuft oft schleppend, das zehrt an den Kräften der Menschen. Ferdinand Vögele Bild in Detailansicht öffnen
Auch fast ein Jahr nach der Katastrophe sieht es an vielen Stellen noch aus wie in einer Geisterstadt. Ferdinand Vögele Bild in Detailansicht öffnen
Der Wiederaufbau des Ahrtals lebt auch von dem Einsatz vieler Helferinnen und Helfer Ferdinand Vögele Bild in Detailansicht öffnen

Abriss im Ahrtal: Als würde man den Menschen etwas wegnehmen

Maximilian Gölitzer ist ein Seelsorger in Handwerkerklamotten. Geplant war das Interview mit ihm nicht; er hat Kollegen von SWR3 angesprochen, was sie denn da tun würden. Er ist Arbeiter auf einer Baustelle, der was loswerden will. Und das aus gutem Grund: Er hat einfach keine Lust mehr auf Gaffer. Wenige Meter von ihm entfernt steht ein Holzkreuz mit Blumen davor.

Letztens kam einer, der hat hier gehalten an dem Parkplatz, ist zu dem Kreuz gegangen, hat mit seiner Spiegelreflexkamera das Kreuz fotografiert hat, sich umgedreht und ist wieder gefahren. Da ist mir dermaßen die Zündschnur geplatzt! Das gehört sich doch nicht! […]

Natürlich kann auch ein Verwandter oder Freund das Kreuz für eine Familie fotografiert haben, das wissen wir nicht. Aber das Gefühl, die Betroffenen werden angegafft, ist richtig mies. Auch SWR3-Reporter Jakob Reifenberger kennt bei der Berichterstattung das Gefühl: „Und ich hoffe in dem Moment wirklich, dass sich niemand durch mein Radiomikro genervt oder bedrängt fühlt. Ich versuche natürlich immer, sehr vorsichtig und rücksichtsvoll auf die Leute zuzugehen.“

Gölitzer hat in Wiesbaden ein eigenes Unternehmen für Abbrucharbeiten und erzählt, wie unterschiedlich es sich anfühlt, dort oder im Ahrtal ein Haus abzureißen.

Der Unterschied ist: Normalerweise sind solche Dinge über Monate oder Jahre geplant. Das Haus kommt weg, weil es altersbedingt ersetzt wird. Hier war eine Nacht der ausschlaggebende Punkt und die Leute haben auf einen Schlag ihre komplette Existenz verloren. Deswegen ist die emotionale Ebene hier im Ahrtal ganz anders als wenn man daheim arbeitet. Jedem der mich fragt, ob ich hier gerne arbeite, sage ich ‚Eigentlich nein‘ […] Man hat bei jedem Abbruch das Gefühl, dass man emotional den Leuten etwas wegnimmt, was einem nicht zusteht.

Zuhause sei das Geld einfacher verdient. Die Projekte seien über Monate geplant und es gehe „nur um die Häuser“. Im Ahrtal werde man fast zum Seelsorger. Über seine aktuelle Baustelle erzählt er, er habe vorab mit der Eigentümerin des Hauses besprochen, sie solle sich melden, wenn es ihr zu schnell ginge. Dann würde er den Bagger ausmachen und mit ihr eine Pause einlegen.

ISB: Warten auf die Aufbauhilfe im Ahrtal

Dass sich alles so ewig in die Länge zu ziehen scheint, macht die Leute mürbe und wütend. Drei Buchstaben fallen in solchen Momenten immer wieder: „ISB“ – das steht für die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz. Sie bezeichnet sich selbst als Förderbank des Landes. Wer Fördergelder erhalten möchte, muss sie hier beantragen. Sei es für die Gründung eines Unternehmens, oder die ökologische Sanierung eines Hauses.

Seit der Flutkatastrophe ist sie auch für die Wiederaufbauhilfen für Betroffene zuständig und damit für die Menschen im Ahrtal unheimlich wichtig. Wird ihr Antrag hier abgelehnt, gibt es keine finanzielle Hilfe. Für viele rückt der Wunsch, irgendwann wieder in eine Normalität zurückzukommen, damit in noch weitere Ferne. Ein Beispiel: Für weggeschwommenen Hausrat bekommt eine vierköpfige Familie rund 28.500 Euro. Geld, das dringend benötigt wird. Dazu kommen noch höhere Förderbeträge für Schäden an der Wohnung oder dem Haus selbst. Eigentlich eine gute Sache, könnte man meinen. Aber viele sind frustriert, dass Anträge lange liegen bleiben und nichts vorangeht. Ein Steuerberater, der anonym bleiben möchte, sagt im Gespräch mit SWR3-Reporter Jakob Reifenberger:

Das Geld wurde ja bereitgestellt, der Fonds ist da! Die ISB steht nur noch dazwischen, zwischen dem Geld und den Leuten, die es brauchen! Und durch Bürokratismus, wie Sie hier sehen, kommt das Geld nicht zu den Leuten.

Die ISB sieht das anders – man bearbeite die Anträge so schnell wie möglich, viele seien aber nicht vollständig. Auch der Steuerberater, der anonym bleiben möchte, berichtet: Immer wieder habe es Nachfragen gegeben, die aber im ersten Formular gar nicht aufgeführt gewesen seien. Dadurch würden sich Anträge über Wochen ziehen. Das Interview mit ISB-Vorstand Dr. Ulrich Link hört ihr in dieser Folge unseres Podcasts SWR3 Report: Ahrtal – Leben nach der Flut:

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Diverses SWR3 Report Ahrtal: ISB – warten auf die Aufbauhilfe im Ahrtal

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