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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)
INTERVIEW
Nils Dampz

Max war ganz rechts außen und wollte das System stürzen. SWR3-Reporter Nils Dampz hat er erzählt, wie alles anfing – und wann es ihm zu viel wurde.

SWR3 Report Nazi (Foto: SWR3)

SWR3 Report Einmal Nazi und zurück

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Max hat Angst. Schmitt, sein Anführer, hat auch Angst. Und der Afrikaner, auf den die Nazi-Gruppe es abgesehen hat, der hat natürlich erst recht Angst. Allen dreien ist klar: Gleich wird etwas Schlimmes passieren – viel schlimmer, als Max und Schmitt es eigentlich geplant hatten.

Nazis ziehen trinkend durch die Straßen

Max und seine Nazikumpels sind an diesem Abend zu sechst unterwegs. Sie wandern saufend durch ihr Viertel in einer Großstadt in SWR3Land. Die Jungs sind wie immer blau, sie treffen auf einen Schwarzen und gehen auf ihn los. Der rennt weg, die Nazis hinterher. Nach 200 Metern haben sie ihn eingeholt.

Nazi Max und sein Weg zurück

Max, der eigentlich wie alle Nazis im Artikel anders heißt, ist da seit knapp eineinhalb Jahren in der Nazi-Szene. Bald wird er aussteigen. Die Gewalt, die er erlebt, ist einer der Gründe. Die primitiven Gedanken gegenüber Nicht-Deutschen sind ein anderer. Irgendwie stimmt da so vieles nicht.

Max, der eigentlich zum „harten Kern“ seiner Nazi-Gang gehört, beginnt, die Dinge anders zu sehen, als die Typen um ihn herum. Er habe wieder selbst angefangen, zu denken, sagt er heute.

SWR3-Reporter Nils Dampz hat ihn im vergangenen Jahr bei einer Straßenumfrage kennengelernt. Seitdem haben sich die beiden immer wieder getroffen. Nils hat Max auf seinem Weg in ein „normales“ Leben begleitet. Und Max hat ihm seine harte Geschichte erzählt – von der Grundschule bis heute. Im Podcast SWR3 Report könnt ihr sie hören.

SWR3 Report: „Wir hätten gemordet“ - einmal Nazi und zurück (Foto: SWR, Nils Dampz)
Wie ist der Ausstieg aus der Nazi-Szene zu schaffen? Nils Dampz

Einer holt sein Messer raus – die Situation kippt

„Wir hätten nicht davor zurückgeschreckt, reinzutreten bis sich nichts mehr rührt“, sagt Max zu Nils. „Wir wären bis zum Mord gegangen.“

Als die Gruppe den Schwarzen stellt, beginnt das Rumgeschubse. Gleich werden sie ihn verprügeln. Doch dann kommt alles anders: Einer der „Kameraden“, der besonders blau und aggressiv ist, holt ein Messer raus. Er macht sich ernsthaft bereit, damit auf das Opfer loszugehen.

„Mach, dass du wegkommst“, flüstert der Nazi dem Opfer zu

Da kriegen es Max und Schmitt, die noch nicht ganz so betrunken sind wie sonst, mit der Angst zu tun: Das wird eine andere Nummer, als eine Prügelei. Und alles vor Passanten, nicht im Dunkel der Nacht irgendwo in einer Einfahrt.

„Mach, dass du wegkommst“, zischt Nazi-Anführer Schmitt dem Opfer zu, wie Max erzählt. Der Mann versteht kein Deutsch. Schmitt macht eine scheuchende Handbewegung. Ein Passant drängt sich auch dazwischen. Der Bedrohte versteht und rennt los. Dann herrscht Schmitt den Typen mit dem Messer an: „Pack die Scheiße weg!“

Nazi-Aussteiger: „Am Ende waren wir die Manipulierten”

Max hat Nils erzählt, wie alles bei ihm angefangen hat: Wie er als einer von wenigen Deutschen erst in der Grundschule von nicht-deutschen Mitschülern getriezt wurde – und später auf dem Gymnasium dann von den Reiche-Leute-Söhnchen. Sie haben ihn spüren lassen, für wie viel „besser“ sie sich gehalten hätten. Die Folge: Ausländer und soziale Eliten werden für Max' zum Feindbild.

Als Max Teil von Schmitts Gruppe wird, plant die Gruppe irgendwann ernsthaft, Terroranschläge zu begehen. Die Demokratie soll weg, ein Nazi-Staat soll sie ersetzen.

Zunächst wollen sie Objekte zerstören – wenn Menschen dabei zu Schaden kommen: auch ok. Sie hätten Lärm machen und zeigen wollen: Die Massenmedien manipulieren euch. „Am Ende waren wir die Manipulierten“, weiß Max heute.

Expertin aus BW: Wo der Ausstieg aus der Nazi-Szene anfängt

Max hat den Weg aus der Szene alleine geschafft. Grundsätzlich hat er zwar Angst vor seinen früheren Nazi-Kumpels. Aussteiger sind eigentlich Freiwild. Es ist aber noch nichts passiert.

Verena Fiebig ist wissenschaftliche Referentin bei Konex, dem baden-württembergischen Kompetenzzentrum gegen Extremismus. Es gehört zum Landeskriminalamt, gibt aber keine Infos an den Verfassungsschutz weiter, wie Fiebig betont. Sie berät dort Menschen, die aus extremistischen Szenen aussteigen wollen.

Fiebig hat Nils erklärt, dass der Fall bei jedem Aussteiger anders liege. „Wenn jemand komplett sein Leben umkrempelt, und eventuell sogar untertauchen muss, müssen wir erstmal seinen sozialen Unterbau auf die Füße stellen. Erst danach diskutieren wir über ideologische Fragen.“ Auch Angehörige, die sich Sorgen machen, können zu ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen kommen.

Hilft Ex-Nazis in Baden-Württemberg: Ausstiegsberaterin Verena Fiebig.  (Foto: SWR, Nils Dampz)
Hilft Ex-Nazis in Baden-Württemberg: Ausstiegsberaterin Verena Fiebig. Nils Dampz

Ausstiegsberaterin: Ausstieg nicht ankündigen

Grundsätzlich sei es eine gute Idee, nicht anzukündigen, dass man aussteigen wolle. Max‘ Weg sei die radikale Variante, die Fiebig einen „stillen Ausstieg“ nennt. Eine extremistische Radikalisierung gehe „immer damit einher, dass alternative Weltbilder, alternative Werte strikt abgelehnt werden.“ So isolierten sich Anhänger immer mehr. „Das ist ein zentraler Punkt, worauf letztendlich auch die Rekrutierungsbemühungen abzielen. Die wollen natürlich die Person, das Kind, den Jugendlichen, die Jugendliche dann isolieren. Weil dann haben Sie natürlich noch mehr Einflussmöglichkeiten. Und sind dann Brücken erstmal abgebrochen zum alten sozialen Umfeld, dann ist natürlich auch ein Zurückziehen aus der Szene sehr, sehr viel schwieriger.“ Aber natürlich nicht unmöglich, wie auch der Fall von Max zeigt.

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Raus aus der Szene? Hier gibt es Hilfe – auch für Angehörige

Fiebig hat beobachtet, dass Nazis, Dschihadisten und Linksextremisten gleichermaßen gut darin sind, herauszufinden, was einem jungen Menschen fehlt: Hat er Ungerechtigkeiten erlitten? Hat er als Junge beispielsweise Probleme mit seinem männlichen Rollenbild? Ist er einfach nur einsam? Hat er Bock auf Macht und Gewalt? Für all das böten Extremisten Scheinlösungen – natürlich verbunden mit einer Gehirnwäsche.

Jedes Bundesland hat eigene Angebote: In Baden-Württemberg findet ihr Hilfe bei Konex. In Rheinland-Pfalz hilft das „Aussteigerprogramm (R)AUSwege“ Betroffenen und Angehörigen. Darüber hinaus gibt es noch viele Nichtregierungs-Organisationen, die helfen. Die Bekannteste davon ist vermutlich Exit Deutschland.

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Christian Kreutzer (Foto: SWR3)
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Nils Dampz

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