Stand
AUTOR/IN
Christian Kreutzer
Christian Kreutzer

Lange Haare, blaue Augen, helle Haut? Fehlanzeige. Ötzis Vorfahren lebten wohl fast 2.000 Jahre abgeschottet in den Alpen. Das hatte Auswirkungen auf sein Äußeres.

Ötzi steht auf einem Felsen und blickt um sich. Am linken Arm und an den Händen hat er brennende Schnittwunden: Etwa einen Tag zuvor hat der Mitvierziger mit anderen Menschen gekämpft. Ist er jetzt auf der Flucht? Wir wissen es nicht.

Als er ins Tal schaut, fährt ihm etwas in die Schulter: Es ist ein Pfeil mit einer Spitze aus Feuerstein, der ihn von hinten trifft. Er durchbohrt vermutlich eine Arterie in der Schulter. Ötzi kippt nach hinten um und schlägt dabei wohl mit dem Kopf auf einen Felsen auf. Was danach geschieht, ist unklar. Doch Ötzi wird diesen Ort nicht mehr lebend verlassen.

So sah Ötzi aus: Glatze, dunkle Augen, sehr dunkle Haut

Rund 5.300 Jahre nach dem Mord ist viel über den rund 1,60 Meter großen Mann bekannt. Vor 32 Jahren haben ihn Wanderer in den Ötztaler Alpen entdeckt. Seitdem sind Wissenschaftler an ihm dran.

Jetzt haben Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie mit Hilfe einer Gen-Studie einen Quantensprung in der Ötzi-Forschung hingelegt: Sie haben nicht nur herausgefunden, wer Ötzis Vorfahren waren, sondern auch, wie der Mann genau ausgesehen hat. Das Ergebnis ist eine Überraschung:

Eine Zeichnung von Ötzi, die das Portrait eines dunkelhäutigen bärtigen Mannes mit Glatze zeigt
Ötzi: So hat er wirklich ausgesehen. Das beweist eine Gen-Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie.

Ötzi war demnach nicht langhaarig, hellhäutig und womöglich blauäugig. Im Gegenteil: Er sei dunkler gewesen als ein typischer Südeuropäer von heute, schreiben die Wissenschaftler. Seine Augen waren fast schwarz: Vor allem aber – das zeigen bestimmte Genvarianten – war er vermutlich fast kahlköpfig.

 „Es ist der dunkelste Hautton, den man in europäischen Funden aus derselben Zeit nachgewiesen hat“, erklärt der Anthropologe und Mitautor der Studie Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung bei Eurac Research in Bozen: „Man dachte bisher, die Haut der Mumie sei während der Lagerung im Eis nachgedunkelt, aber vermutlich ist, was wir jetzt sehen, tatsächlich weitgehend Ötzis originale Hautfarbe. Dies zu wissen, ist natürlich auch wichtig für die Konservierung.“

Eine Zeichnung zeigt links einen hellhäutigen bärtigen Mann mit langem Haar, rechts einen dunkelhäutigen bärtigen Mann mit Glatze
So wie in der Darstellung hinten, hat man sich Ötzi bisher vorgestellt. Doch er sah wohl aus wie der Mann im Vordergrund.

Ötzis Vorfahren kamen aus Anatolien – und haben sich in 2.000 Jahren kaum mit anderen vermischt

Und noch etwas haben die Max-Planck-Anthropologen herausgefunden: Ötzis Vorfahren lebten weitgehend isoliert. Denn: Drei Gruppen von Menschen gab es grob in Europa, als Ötzi lebte. Da waren die Ackerbauern, die etwa 6.500 v. Chr. aus Anatolien eingewandert waren. 90 Prozent von Ötzis Genen stammen von ihnen.

Beachtlich viel, wenn man bedenkt, dass diese Menschengruppe da schon mehr als 2.000 Jahre in Mitteleuropa lebte. Daneben gab es nämlich noch die Vorgänger aus den Jäger- und Sammlergruppen. Von denen hatte Ötzi zehn Prozent seiner Gene, was nach so langer Zeit wenig ist.

Gar nicht vermischt hatten sich Ötzis Leute offenbar mit den Hirten und Schäfern, die etwa 4.900 v. Chr. nach Europa kamen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Ötzis Clan hatte sehr lange weitgehend isoliert in den Alpen gelebt – und seine anatolischen Gene gut bewahrt.

Ötzi war 1991 in einem Gletscher in den italienischen Alpen entdeckt worden. Der Fund der gut erhaltenen Mumie war eine archäologische Sensation; seitdem versuchen die Wissenschaftler mit Hilfe modernster Techniken, seinem Leben und Sterben vor rund 5.300 Jahren auf die Spur zu kommen.

Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge war der Gletschermann mit seinen etwa 1,60 Metern für die Zeit durchschnittlich groß. Er wog um die 50 Kilogramm und war etwa 45 Jahre alt, als er mit einem Pfeil ermordet wurde. Letzte Mahlzeit vor seinem Tod war höchstwahrscheinlich getrocknetes Steinbockfleisch.

Seit Ötzis Entdeckung hat die Wissenschaft große Fortschritte gemacht. Vor allem das neue Forschungsfeld der Paläogenetik vermehrt das Wissen über die Vorgeschichte in rasendem Tempo: Wann hat ein Mensch gelebt? Wer waren seine Vorfahren und wo kamen sie her? Hatte er einen Neandertaler in der Ahnenreihe? All das kann man heute bei vielen alten Skeletten fast perfekt herausfinden.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir dir, woher wir unsere Infos haben!

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) ist eine der führenden deutschen Forschungsgesellschaften.

Bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) arbeiten Journalisten. Sie sind in Deutschland und weltweit bei wichtigen Ereignissen dabei. Informationen, Bilder und Videos stellen sie anderen zur Verfügung. Das hat den Vorteil, dass Zeitungen, Sender und Online-Portale über Themen berichten können, bei denen sie keine eigenen Leute vor Ort hatten. Weitere Nachrichtenagenturen, mit denen wir arbeiten, sind zum Beispiel dpa, Reuters, AFP, AP und SID.

Die dpa ist eine Nachrichtenagentur. Dort arbeiten Journalisten, Kameraleute, Fotografen. Sie sind in Deutschland und weltweit bei wichtigen Ereignissen dabei. Informationen, Bilder und Videos stellen sie anderen zur Verfügung. Das hat den Vorteil, dass Zeitungen, Sender und Online-Portale über Themen berichten können, bei denen sie keine eigenen Leute vor Ort hatten. Weitere Nachrichtenagenturen, mit denen wir arbeiten, sind zum Beispiel Reuters, AFP, AP und SID.

Meistgelesen

  1. Immer in denselben Wildpark? Egal ob bei Regen oder Sonnenschein: 7 Insider-Tipps für Ausflüge in BW und RLP

    Schon alles gesehen? Ganz bestimmt nicht! Hier kommen sieben Ausflugstipps, die einen Besuch wert sind. Außerdem sammeln wir eure Lieblingsplätze! Einfach im Artikel kommentieren.

  2. Wichtig: „Seine Frau lieb haben“ Lang lebe die Liebe! Dieses Ehepaar ist seit 80 Jahren verheiratet 💕

    War es Liebe auf den ersten Blick? Lest hier die Geschichte von Ursula und Gottfried Schmelzer. Und für alle, die nicht 80 Jahre warten wollen: Spielt das SWR3 Kreuzworträtsel für die Liebe!

  3. Weiter Gefahr von Unwetter Frau stirbt nach Rettungseinsatz in Saarbrücken – neuer Regen könnte die Lage noch einmal verschärfen

    Die Menschen im Saarland und Rheinland-Pfalz müssen vor allem am Dienstag nochmal mit viel Regen rechnen. Hier könnt ihr checken, was wo gerade los ist.

  4. Stuttgart

    Andreas Müller und Christoph Sonntag Hier Best-of unserer SWR3 Comedy Show vom Sommerfestival anschauen!

    Beim SWR Sommerfestival in Stuttgart standen am Sonntag die Comedians Oliver Pocher, Andreas Müller & Christoph Sonntag auf der Bühne. Hier die Highlights anschauen.