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Jessica Schnellbach
Jessica Schnellbach (Foto: SWR3)
Jacqueline Gehrke

Zigaretten ab 18, Sekt ab 16 Jahren und die Cannabis-Legalisierung kommt auch voran. Was macht dieser Konsum mit dem Körper eines Jugendlichen & wie spreche ich mit ihnen darüber?

Mein Kind darf jetzt Alkohol trinken: Wie gehe ich damit um?

Wie bringe ich meinem Kind einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol und anderen Drogen bei? Was kann ich falsch machen? Ist es richtig, den Jugendlichen ganz bewusst mal ein Glas Sekt zu geben, damit sie es nicht heimlich machen? SWR3-Moderator Volker Janitz hat in SWR3 Move eure Fragen an Maren Pletat gestellt. Sie ist Mitarbeiterin einer Drogen- und Suchthilfe in Stuttgart. Den ganzen Talk könnt ihr hier anhören:

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SWR3 Move Alkohol bei Jugendlichen

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Wie bringe ich meinem Kind einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol und anderen Drogen bei? Was kann ich falsch machen? Ist es richtig, den Jugendlichen ganz bewusst mal ein Glas Sekt zu geben, damit sie es nicht heimlich machen? SWR3-Moderator Volker Janitz hat in SWR3 Move eure Fragen an Maren Pletat gestellt.

Kindersekt & Kinderbier: Gut für die Dazugehörigkeit oder eher lassen?

Noch bevor Jugendliche laut Gesetz Alkohol trinken dürfen, wird ihnen gern zum gemeinsamen Anstoßen Kindersekt oder -bier angeboten. Ist das gut, damit die Kinder sich zugehörig fühlen oder eher bedenklich, weil wir das Gefühl vermitteln, dass Alkohol „eben dazugehört“?

Grundsätzlich ist der Gedanke nachvollziehbar. Kinder wollen bei Ritualen dabei sein. [...] Gerade bei Kinderbier ist der malzige Geschmack sehr ähnlich zum Biergeschmack. Das Problem ist nicht, dass die Kinder bei geselligen Anlässen dabei sind. Sondern, dass sie an den Geschmack herangeführt werden, der eigentlich in dem Alter noch nicht unbedingt so angenehm ist.

Alkoholkonsum vor Jugendlichen: Worauf sollte ich achten?

Wenn Kinder und Jugendliche bei Festen dabei sind und Alkohol getrunken wird, sollte man sich seiner Vorbildfunktion bewusst zu sein. Das bedeutet nicht, dass komplett auf Alkohol verzichtet werden soll. Aber sich nach nur einem Gläschen Sekt doch noch hinters Steuer zu sitzen oder regelmäßig betrunken vor den Kindern zu feiern, könnte ein falsches Bild erzeugen. Ein Vollrausch vor jungen Erwachsenen sollte laut Pletat grundsätzlich vermieden werden.

Eltern sind ein sehr großes Vorbild. Wenn Kinder miterleben, dass die sich gar keine Sorgen um ihre Gesundheit machen, dass sie relativ hemmungslos mit der Substanz umgehen, dann ist das schon ein falsches Signal.

Wie spreche ich mit Jugendlichen über ihren Alkoholkonsum?

Eigene Geschichten aus der Jugend sollten erst mal keine Rolle spielen. Pletat rät dazu, immer wieder über die Folgen des Konsums zu sprechen oder auch, wie ein verantwortungsbewusster Alkoholkonsum aussehen könnte – ohne erhobenen Zeigefinger.

Natürlich spielt auch der Freundeskreis eine wichtige Rolle und wenn dort Alkohol konsumiert wird, dann wird es schwer, das zu unterbinden. Ein Austausch mit den anderen Eltern kann dabei helfen, einen Umgang zu finden. Damit kein Gruppenzwang entsteht, hilft es auch, das eigene Kind darin zu bestärken, auch mal Nein zu sagen.

Alkohol bei Jugendlichen: Das sagt SWR3Land

Ihr habt eure Meinung mit uns zu Alkohol bei Jugendlichen geteilt und uns auch von euren Erfahrungen erzählt.

Ab einem gewissen Alter kann ich ohnehin immer weniger kontrollieren, was Jugendliche unbeaufsichtigt tun. Lieber ein Eierlikör mit 14 als den eignen Nachwuchs mit 15 volltrunken nachts um halb vier im Vorgarten zu finden.

Ich habe meinen 3 Töchtern gesagt; ‚Wenn ihr bis 18 nicht raucht und keinen Alkohol trinkt, bekommt ihr 1.000 Euro von mir. Die Tante kam dazu und erhöhte den Einsatz um 500 Euro. Heute sind sie 19, 21 und 23 und sie haben sich das Geld verdient. Die Große trinkt gar nicht und die 2 anderen ab und zu.

Meine Eltern sind sehr entspannt mit dem Thema Alkohol umgegangen. Wir durften sehr früh als Kinder kosten. Die Neige im Eierlikörglas auslecken oder am Bier nippen. Das Nichtverbot meiner Eltern hat die Gier danach vermieden. Ich trinke heute sehr wenig Alkohol und bin der Meinung, dass das Vorleben der Eltern, vor allem aber das Umfeld und der Umgang im Erwachsenwerden eine große Rolle spielt. Eltern können kaum kontrollieren, wann, wie viel und wo Kinder Alkohol trinken.

Ich bin trockener Alkoholiker und ich finde es absolut falsch, Kinder so früh mit Alkohol zu konfrontieren. Bei mir hat es genau in dem Alter angefangen und ich habe es am eigenen Leib erfahren, was dann passieren kann.

Alkohol bei Jugendlichen: Gedächtnisschwäche & Impulskontrollstörung

Alkohol gelangt über die Schleimhäute des Dünndarms ins Blut und von dort ins Gehirn. Dort bringt er die Kommunikation zwischen Botenstoffen und Nervenzellen durcheinander: Reize werden gehemmt und Denkprozesse laufen dadurch langsamer ab. Für einen Erwachsenen hat das keine schlimmen Folgen. Das Gehirn arbeitet nach einem Rausch mit alter Leistungsfähigkeit, ohne dass Hirnmasse abstirbt. Bei Jugendlichen ist das nicht so.

Eine US-Studie belegt, dass Alkohol die Entwicklung des Gehirns langfristig stört. Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren zeigten mehr Gedächtnisschwäche, wenn sie schon öfter betrunken waren, als Gleichaltrige, die keinen Alkohol tranken. MRT-Aufnahmen zeigen eine dünnere Hirnrinde – ein Indiz dafür, dass das Wachstum des präfrontalen Kortex gestört ist. Dieser Bereich des Gehirns steuert Kognition, Persönlichkeit und Emotionen. Betroffene Jugendliche haben dadurch Schwierigkeiten, Impulse zu kontrollieren und Probleme zu lösen.

Cannabis bei Jugendlichen: niedriger IQ & schlechtes Kurzzeitgedächtnis

In der Pubertät produziert das Gehirn Stoffe, die Cannabissubstanzen ähneln und für die Entwicklung wichtig sind. Das macht es Inhaltsstoffen wie THC leicht, sich als körpereigene Hormone auszugeben und im Gehirn anzudocken. Die Folgen zeigt eine Langzeitstudie mit Teilnehmern zwischen 14 und 19 Jahren: Die Jugendlichen haben Schwierigkeiten Impulse zu kontrollieren, eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis.

Eine weitere Studie zeigt: Wer regelmäßig kifft, hat einen niedrigeren IQ. Der normalisierte sich bei Erwachsenen, die mit dem Kiffen aufhörten – jedoch nur, wenn sie nicht schon als Jugendliche angefangen hatten. Das ist ein Hinweis dafür, dass Cannabis bei Jugendlichen bleibende Hirnschäden hinterlassen kann. Forschende raten während dieser sensiblen Phase der Entwicklung komplett auf den Konsum von Cannabis zu verzichten.

Rauchen bei Jugendlichen: verzögertes Lungenwachstum & Krebs

„Rauchen ist tödlich“, das steht wohl nicht umsonst oft auf den Zigarettenpackungen. Rauchen macht unglaublich schnell körperlich und psychisch abhängig. Grund dafür ist der Wirkstoff Nikotin. Nikotin gelangt in Sekundenschnelle über die Lunge in das Gehirn, wo es Nervenzellen manipuliert und Botenstoffe wie Dopamin freisetzt. Wir fühlen uns dadurch glücklich und können negative Gefühle wie Angst und sogar unseren Appetit regulieren. Während des Wachstums ist das besonders bedenklich.

Mediziner warnen vor verzögertem Lungenwachstum und dem erhöhten Risiko für Asthma. Betroffene Jugendliche haben dadurch eine schlechtere Fitness als Gleichaltrige, die nicht rauchen. Unschöne Nebenwirkungen sind etwa auch schleimiger Husten, Zahnverfärbungen und Mundgeruch. Langfristig steigt das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Schuld daran ist nicht primär das Nikotin, sondern die rund 90 giftigen Substanzen im Tabakrauch. Das sind Substanzen, die etwa auch in Putzmitteln, Rattengift, Batterien und Benzin vorkommen. Wer jedoch mit dem Rauchen aufhört, halbiert das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken, hat nahezu dasselbe Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen wie ein Nichtraucher und gewinnt zehn Jahre Lebenszeit. 

Tabaksteuer vs. Gesundheitssystem Kosten Raucher den Staat wirklich mehr Geld als er an ihnen verdient?

Neuseeland hat künftigen Generationen das Rauchen verboten. Einige fordern das auch in Deutschland. Nicht zuletzt weil Rauchen das Gesundheitssystem viel Geld kostet. Aber stimmt das überhaupt?

MOVE SWR3

Mischkonsum: Wenn Alkohol, Cannabis und Rauchen aufeinandertreffen

Experten warnen besonders davor, wenn Drogen wie Cannabis und Tabak vermischt werden. In der oben genannten Langzeitstudie zu Cannabis schreiben die Forschenden, dass Tabakkonsum gemeinsam mit Cannabiskonsum einen zusätzlichen potenziellen Störfaktor darstellt. Und oft wird fürs Drehen von Joints Tabak verwendet.

Wir können davon ausgehen, dass der Mischkonsum schlimmer ist und mehr gefährliche Risiken mit sich zieht, als wenn man nur trinkt, kifft oder raucht. Je nachdem wie viel und wie lange konsumiert wird, kann sich der Körper im Erwachsenenalter wieder davon erholen – oder aber die Störungen bleiben irreversibel.

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