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Sandra Tiersch
Sandra Tiersch (Foto: SWR3)
INTERVIEW
Kristian Thees

Für einen offenen Umgang mit psychischen Krankheiten: Komiker Kurt Krömer sprach im Interview mit SWR3-Moderator Kristian Thees über seine schwere Depression und warum es ihm jetzt wieder besser geht.

Kurt Krömer ist ein übellauniger Entertainer, eine Kunstfigur. Die allerdings viel mit dem echten Menschen Kurt Krömer zu tun hat, der in Wirklichkeit Alexander Bojcan heißt und 47 Jahre alt ist. Vor knapp zwei Jahren bekam er die Diagnose Depression und ließ sich behandeln. Darüber und wie er es schaffte, dass es ihm jetzt wieder besser geht, hat er ein Buch geschrieben: Du darfst nicht alles glauben, was du denkst. Meine Depression.

Er möchte damit das Thema Depression aus der Tabuzone holen und zeigen, dass jeden eine Depression befallen kann. Auch ein erfolgreicher Comedian wie er hatte Probleme damit, Hilfe zu suchen und Angst in „so eine“ Klinik zu gehen. Völlig normal! Und leider nicht schön. Aber es gibt Hilfe und die lohnt sich in Anspruch zu nehmen. Darüber möchte er aufklären und Mut machen.

Talk Mit Thees (Foto: SWR, Urban Zintel)

Talk mit Thees Kurt Krömer

Dauer

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Depressionen erkennen – wie geht das?

Eigentlich litt Kurt Krömer schon die letzten 30 Jahre an Depressionen, konnte sie nur nicht erkennen und als solche benennen. Seit 11 Jahren ist er bereits trockener Alkoholiker.

Stell dir vor, du liegst im Bett und auf deiner Brust sitzt jemand, der hundert Kilo wiegt. Du bist bewegungsunfähig. Ich lag manchmal acht Stunden im Bett und hab mich nicht bewegt.

Kurt Krömer beschreibt Depression als eine ständige Schwermut und Gefühlstaubheit. Nichts im Leben machte ihm mehr Freude. Emotionen wie Freude, Trauer oder Traurigkeit konnte er nicht mehr spüren. Nur dass irgendetwas komplett schief lief.

Als zweiten Aspekt nennt er eine lähmende Antriebslosigkeit. Selbst ein Lottogewinn hätte ihn als Depressiven zu nichts motivieren können, sondern nur weitere negative Gedanken in ihm ausgelöst.

Dieser Traum, den wir vielleicht alle kennen: Du hast Angst, willst wegrennen, kommst aber nicht von der Stelle. Du willst fröhlich werden. Du willst wieder irgendwie so sein wie die anderen. Aber du kommst nicht vom Fleck.

Der schwierige Weg zur Diagnose Depression

Schwierig ist ja, dass man einem Menschen eine Depression oft nicht ansieht. Zwei Jahre rannte Kurt Krömer zu irgendwelchen Ärzten, weil er dachte, da müsste irgendwas Organisches sein. Die schoben es auf seinen stressigen Beruf im Medien-Business und sein Leben als alleinerziehender Vater mit drei Kindern. Aber von seinem Job fühlte er sich nach Jahrzehnten Erfahrung gar nicht so gestresst. In panischer Angst vor Hodenkrebs landete er schließlich beim Urologen. Der schickte ihn zum Therapeuten.

Drei Stufen der Depression

Es gibt mehrere Stufen einer Depression sagt Krömer. Bei einer leichten Depression könne einem gut mit einer wöchentlichen Therapie geholfen werden. Bei einer mittleren Depression würden zusätzlich Antidepressiva gegeben. Bei einer schweren Depression, wie er sie sie die letzten Jahre hatte, muss man sofort in einer Klinik behandelt werden und bekommt ebenfalls Antidepressiva.

Sehr wahrscheinlich hatte er seit seinem 17. Lebensjahr Depressionen, wechselnd zwischen leicht und mittel. Er dachte die ganze Zeit, er hätte nur „eine scheiß Jugend gehabt“, ein Alkoholproblem oder einfach ein anstrengendes Leben.

Schwere Depression – so wird sie behandelt

Die Klinik hat ihn letztendlich gerettet. Es war ein großer Schritt, vor dem er erst Angst hatte. Aber danach kam eine totale Erleichterung, sagt er. Denn dieser Moment, den eigentlich alle, die in die Klinik gehen, irgendwann haben, ist die Erkenntnis: Man kann mir helfen!

Als der Psychiater mir Fragen gestellt hat und zum Schluss sagte: ‚Das ist eine schwere Depression, wir können Ihnen aber helfen‘, habe ich einen Nervenzusammenbruch gekriegt und so laut und lange geweint, wie noch nie in meinem Leben, weil ich wusste: Jetzt ist die Odyssee vorbei, ich bin jetzt angekommen.

Zu allererst ging es in der Klinik um Entschleunigung. Das fiel Kurt Krömer besonders schwer, weil er ein ungeduldiger Mensch ist und vor allem beruflich eine hohe Effektivität gewohnt ist. Die stundenlangen Pausen zwischen den Einzel- und Gruppentherapiesitzungen ärgerten ihn anfangs.

In meiner Welt, aus der ich kam, hab ich gedacht [...] Therapiert mich doch 8 Stunden durch, dann bin ich hier früher raus. Und dann habe ich erst gemerkt: Wenn du zurück gehst in die Vergangenheit und dein Leben aufarbeitest, [...] dann wühlt dich das so auf, dass ich nach drei Tagen dankbar war und dachte: drei Stunden Pause ist doch fast ein bisschen wenig.

Was ihn am meisten überraschte, war, dass er an einem Ort war, an dem er sich verstanden fühlte, auch nonverbal.

Es gab Tage, da bin ich weinend in die Klinik gegangen, bin an der Teeküche, wo die Mitpatienten standen, vorbeigelaufen in den Ruheraum. Es hat keiner gefragt: ‚Warum heulst du hier rum, morgens um neun? Das kann ja wohl nicht sein!‘. Sondern die wussten ja: Der hat die gleichen Symptome wie ich letzte Woche.

Vor allem Achtsamkeitsübungen waren für ihn wertvoll, etwas – wovon er vorher höchstens gelesen – aber womit er sich nie auseinandergesetzt hatte.

Kurt Krömer war als Depressiver immer in der Vergangenheit unterwegs und sah nur Schlechtes. Er guckte in die Zukunft und dachte, es wird auch alles schlecht bleiben. Das, was er in der Klinik gelernt hat, ist: Du bist jetzt. Nimm die Gegenwart wahr! Heute ist ein schöner Tag!

Man muss keine Depressionen haben, um von Achtsamkeit zu profitieren. Auch viele gesunde Menschen sind gedanklich oft in der Vergangenheit, machen sich Sorgen über die Zukunft und vergessen den Augenblick.

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Improvisation stand zum Beispiel auch im Klinikprogramm. Jemand wie Kurt Krömer fühlte sich da etwas unterfordert. Er weiß aber, dass für Leute, die nicht den Beruf des Komikers oder Schauspielers haben, Improvisation gut sein kann, weil es die Gehirnhälften durcheinander bringt. Auch ein Trick, um Gedankenspiralen zu durchbrechen und ins Jetzt zu kommen.

Große Sorge hatte er, dass er nach der Behandlung nicht mehr der Gleiche ist. Würde er noch diese „selbstattestierte Vollmeise“ haben, um seine Comedy-Sendung machen zu können?

Die Ärzte haben gelacht am ersten Tag. Die haben gesagt: ‚Also, wir versprechen Ihnen hoch und heilig: Sie gehen auch wieder mit einer Vollmeise raus. Aber sie sind dann nicht mehr depressiv!

Ähnliches hatte er bei seinem Alkoholentzug vor 11 Jahren auch befürchtet: Wie wäre das denn jetzt, wenn rauskommt, dass du Alkohol brauchst, um lustig zu sein? Doch das stellte sich relativ schnell als Trugschluss heraus. Er merkte: Alkohol hilft nicht bei irgendeinem Talent, das man hat. Und eine Depression hilft auch nicht, die engt nur ein. Man kann sich nicht voll entfalten.

Menschen mit Depressionen wird oft die Frage gestellt, wo die Depression herkommt. Die lässt sich nicht immer beantworten, sagen Krömers Therapeuten. Wichtig für ihn ist, dass er nach acht Wochen in der Tagesklinik aus der Depression herausgefunden hat.

Depression ist eine Krankheit

Für ihn stand fest, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn als Depressiver sagt er, hat man – so sei es leider heutzutage – Angst davor, benachteiligt zu werden, wenn man sich outet. Sein „Coming-out“ gab er in einer Folge „Chez Krömer“ mit Comedian Torsten Sträter als Gast. Sträter hatte auch Depressionen und ist seiner Meinung nach der Beste, mit dem er pointiert drüber sprechen konnte.

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