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Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele

Der Hamas-Terror am 7. Oktober habe eine Lösung des Nahostkonflikts über Generationen zerstört, sagt ein junger Journalist aus Israel. Wie groß das Trauma für das Land ist, erzählt er im SWR3-Interview.

Die entscheidenden Sätze sagt Adi, kurz bevor wir unser Interview wegen eines Raketenalarms beenden müssen: In Israel wachse man mit der Gewissheit auf, dass alles, was das jüdische Volk im Laufe der Geschichte durchgemacht habe – Pogrome, der Holocaust – vorbei seien. Und selbst wenn jemand das Leben von Juden bedrohe, gebe es den Staat Israel, der einen beschütze. Israel würden die Menschen als sicheren Ort für Juden ansehen. An diesen Schutz glaube man aber nicht einfach, es sei vielmehr ein Grundkonzept, mit dem man aufwachse, sagt Adi. Doch am 7. Oktober sei genau diese Vorstellung zerstört worden.

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Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 – ein Trauma für Israel

Die Erklärungen des 28-Jährigen zeigen, welch tiefes Trauma das Massaker der Terrororganisation Hamas in Israel ausgelöst haben muss. Adi ist in Jerusalem geboren und aufgewachsen. Er studiert Jura und arbeitet als Journalist. Als wir sprechen, ist er gerade von einem Reportage-Einsatz in der Nähe des Gazastreifens zurückgekehrt. Nach dem 7. Oktober ist für ihn klar: Er muss raus, um zu berichten. Es ist sein Weg, um mit der Situation emotional umgehen zu können.

Der Journalist Adi Koplewitz aus Israel. Im Interview haben wir mit ihm über den Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina gesprochen.
Der Journalist Adi Koplewitz aus Israel. Im Interview haben wir mit ihm über den Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina gesprochen.

Und er möchte den Menschen eine Stimme geben, die sie durch den Angriff der Hamas verloren haben, sagt er. Also berichtet er aus den Kibbuzim, spricht mit Überlebenden und Ersthelfern. Nun ist er zusammen mit einem Team von CNN am Gazastreifen, um direkt von der Front des Krieges zu berichten. Wir sind mit ihm zur Videoschalte verabredet, als er in seinem Hotelzimmer sitzt. Trotz seines langen Arbeitstages wirkt er gefasst.

So fühlen sich Israelis nach dem Terrorangriff der Hamas

Das bedeutendste und am weitesten verbreitete Gefühl, das auch ich teile und das in ganz Israel vorherrscht, ist großer Schmerz.“ Jeder kenne jemanden, der entweder getötet oder nur knapp überlebt habe, sagt er. In der israelischen Gesellschaft gäbe es ein starkes Gefühl, dass diese Attacke jedem Israeli gegolten habe. Und genau dieser Schmerz schweiße jetzt zusammen. Wenn er Fremde auf der Straße treffe, fühle er viel mehr, dass man vom selben Fleisch und Blut sei, sagt Adi.

Auch Angst sei ein weitverbreitetes Gefühl. Angst, dass der Krieg eskaliere und Angst um die Soldatinnen und Soldaten. Zuletzt hat Israels Militär 300.000 Reservisten aktiviert, rund vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Das ist auch Adis größte Sorge. Viele seiner Freunde seien jetzt an der Front und müssten vielleicht auch rein nach Gaza.
Und ja, es gäbe auch sehr viel Hass in einem Ausmaß, wie er es noch nie erlebt hätte. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die israelische Öffentlichkeit jemals so scharf auf das Wort Rache war“, sagt Adi. All die Geschichten von Folterung, entführten Kindern oder Massenvergewaltigungen hätten selbst sehr friedliebende Menschen zum Hass getrieben.

Nach Hamas-Terror: Israelische Gesellschaft erlebt Rechtsruck

Die Gesellschaft erlebe einen deutlichen Rechtsruck und es gäbe viele negative Gefühle gegenüber den Palästinensern. Und genau das sei das Ziel der Hamas gewesen, meint Adi:

Wenn es genug Hass und Angst gibt, sind Versöhnung und Dialog keine Option mehr.

Viele Israelis sähen stattdessen eine Machtdemonstration als einzige Möglichkeit.

Seine persönliche Meinung zu den Palästinensern habe sich nicht so sehr geändert. Er habe palästinensische Freunde und Bekannte. Dass die gefragt hätten, wie es ihm geht und ob er in Sicherheit sei, habe ihn berührt. Ihm sei es aber auch viel wichtiger geworden, dass sie klare Kante zeigen und die Taten der Hamas verurteilen. Ihm sei klar, dass sie eine andere Sicht auf den Nahost-Konflikt im Allgemeinen hätten und früher hätte er nicht so genau nachgefragt, um Freundschaften nicht zu gefährden. Heute aber eben schon.

Und dann verändert sich Adis Sprache. Seine Sätze klingen teilweise analytisch und kühl.
Für mich persönlich ist sehr offensichtlich geworden, dass die Hamas und der Islamische Dschihad [eine islamistische Terrororganisation, Anm. d. Red] komplett vernichtet werden müssen.“ Er sei heute eher bereit, den Preis dafür zu zahlen, selbst wenn das „zivile Opfer auf der palästinensischen Seite“ bedeute – und auch wenn er diese natürlich, wie er mehrfach betont, für sehr tragisch halte. Immer wieder spricht er davon, dass Israel keine andere Wahl habe und dass die Verantwortung für das Leid bei der Hamas läge.

Israelischer Journalist: Jedes einzelne tote Kind in Gaza schmerzt mich

Und was würde er den Palästinensern zu den vielen toten Kindern seit Israels Angriffen auf Gaza sagen?

Ich würde ihnen sagen, dass mich jedes einzelne Kind schmerzt, das man in Gaza sterben sieht. Ich denke, das ist eine schreckliche Tragödie in riesigem Ausmaß. Ich meine, wir als Israelis wissen nicht, wie wir über den Tod von 1.500 Menschen hinwegkommen sollen. Im Gazastreifen gibt es schon über 3.000 tote Kinder [zum Zeitpunkt des Interviews Anm. d. Red.]. Natürlich ist das eine schreckliche Tragödie und ich wünschte, es wäre nie passiert. Ich denke auch, dass Israel keine andere Wahl hat, als die Hamas komplett auszuschalten. Und die Verantwortung für diese Toten liegt einzig in den Händen der Hamas.


Adi sagt, die Hamas hätte gewusst, was kommt. Dass Israel so hart hätte reagieren müssen. Er spricht die Tunnel und Waffenlager der Hamas an, die unter ziviler Infrastruktur im Gazastreifen liegen sollen. Er hoffe, dass er irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist, auch bei sich Gefühle von Hass und Rachewünschen ablegen könne. Denn „Menschen sind Menschen“, sagt er.

Unsere Kollegen der tagesschau ordnen hier ein, wie verlässlich die Zahlen über Tote aus dem Gazastreifen sind.

Welche Lösung kann es für den Nahostkonflikt geben?

Doch wie kann der Nahost-Konflikt enden? Er hoffe, dass es eine Lösung gebe, sagt Adi, und dass beide Völker auf dem Stück Land leben können, das ihnen heilig ist. Dies ginge aber nur ohne die Hamas und er wisse nicht, ob er lange genug lebe, um dies zu erleben. Beide Seiten müssten des Kampfes müde werden, meint er.

Und dann könne es eigentlich nur eine Richtung für Israel und Palästina geben: Die Zwei-Staaten-Lösung. Eigentlich wisse das auch jeder. „Die Frage ist, wie viel mehr Menschen bereit sind zu töten und zu sterben, bevor das passieren kann?“ Und hier kommt eine weitere Tragik des Angriffs der Hamas hinzu, für die Adi drastische Worte findet:


Der 7. Oktober hat die Zwei-Staaten-Lösung um Jahrzehnte verzögert und sie vielleicht für die nächsten Generationen vollständig aus den Herzen der Menschen getilgt.

Israel

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Nahost-Konflikt: Hat die israelische Regierung Fehler gemacht?

Auch die israelische Regierung habe Fehler gemacht, sagt Adi. Vor allem in den vergangenen Jahren unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Man habe sich nicht um die Hamas gekümmert, dem Gazastreifen keinerlei Entwicklungsmöglichkeit gegeben und keine Strategie gehabt.

Jetzt mit dem Rücken zur Wand, versucht die israelische Regierung die Hamas zu entwaffnen. Aber wenn man den Gazastreifen nicht entwickelt und den Menschen dort kein besseres Leben bietet, wird das [der 7. Oktober Anm. d.Red.] in ein paar Jahren wieder passieren.

Kurz darauf heulen die Sirenen auf. Raketenalarm. Adi lässt die Videokonferenz weiterlaufen und wir folgen ihm die wenigen Meter vom Hotelzimmer in den Luftschutzbunker. Menschen laufen eilig auf den Gängen, doch alles wirkt routiniert. Im Schutzraum warten auch schon ein paar Journalisten-Kollegen von Adi. Vom sicheren Bürostuhl in Deutschland aus wirkt alles sehr surreal und jetzt weiterzusprechen, unangebracht. Wir beenden die Schalte. 30 Minuten später fragen wir, ob der Alarm vorbei ist. „Ja, zurück zur Normalität“, schreibt er auf Whatsapp. „Danke fürs Nachfragen!

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