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Sandra Tiersch
Sandra Tiersch (Foto: SWR3)
INTERVIEW
Kristian Thees

Guya Merkle ist die erste Schmuckdesignerin, die nur Gold verwendet, das fair produziert, gehandelt oder auch recycelt wurde. Als Gold-Aktivistin macht sie Missstände in den Minen öffentlich und kämpft dagegen an.

SWR3 Talk Mit Thees (Foto: SWR, Alicia Kassebohm)

Talk mit Thees Guya Merkle – „Auch an unseren Handys klebt ein bisschen Blut“

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Gold kann ganz schön dreckig sein. Guya Merkle ist die erste Schmuckdesignerin, die nur Gold verwendet, das fair produziert, gehandelt oder auch recycelt wurde. Als Gold-Aktivistin macht sie Missstände in den Minen öffentlich und kämpft dagegen an.

Problematischer Goldabbau: Kinderarbeit und Umweltzerstörung

Gold kann ganz schön dreckig sein! Dazu liefert Guya Merkle Fakten:  
Um ein Gramm Gold im Kleinbergbau zu gewinnen, muss eine Tonne erzhaltiges Gestein gefördert und zu Sand zermörsert werden. Um die Goldpartikel darin zu binden, wird Wasser und hochgiftiges Quecksilber hinzugefügt. Der entstandene Amalgam-Klumpen muss dann erhitzt werden, damit das Quecksilber verdampft und das Gold übrigbleibt.  

Etwa 25 bis 30 Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder, arbeiten weltweit in kleinen Goldminen und sind hochgiftigen Chemikalien ausgesetzt, die das Nervensystem und die inneren Organe schädigen. Illegale Holzrodung, schwere Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen sind nur einige der Probleme, die mit dem Goldabbau verbunden sind.

40 Handys für 1 Gramm Recycling-Gold

Doch, es ginge auch ohne. Um ein Gramm Gold zu recyceln, braucht man 40 Handys oder Platinen aus anderen Elektrogeräten. Gold leitet sehr gut Strom, ist korrosionsbeständig und lässt sich sehr dünn verarbeiten, deswegen ist es für High-Tech-Produkte unersetzlich.

Guya Merkle ist vom Recycling-Gedanken überzeugt. Im Podcast „Promi-Talk mit Thees“ erzählt sie über die Ursprünge ihres Engagements in der Kindheit, wie ihr das Reisen die Augen öffnete für die Ungerechtigkeit in der Welt, und wie sie als junge Unternehmerin Verantwortung übernimmt. 

Guya Merkle: Unternehmertocher mit idealistischen Ambitionen

Guya Merkle wurde 1986 in Pforzheim in eine Schmuckhändlerfamilie geboren. Schon als Kind bewegte sie die Ungerechtigkeit in der Welt. 

Meine Mutter hat mit mir [...] da war ich fünf [...] den Film ‚Die Farbe Lila‘ geguckt mit Whoopi Goldberg, ein wahnsinniger Film, der glaube ich, [...] mein Weltbild komplett zerstört hat, [...] weil ich einfach nicht damit klarkam, dass es solche Ungerechtigkeiten gibt. Da ging es ja um [...] Rassismus, um Ausbeutung [...] Meine Mutter erzählt bis heute, dass ich eine Woche lang durchgeheult habe.

Ihre Eltern trennten sich als sie 10 war, ihre Mutter zog mit ihr nach Berlin, ihr Vater ging mit dem Unternehmen in die Schweiz. Sie reiste mit ihren Eltern viel in der Welt und „zwar richtig“, wie sie betont, das heißt keine Luxusurlaube in noblen Hotels.  

Wir haben die Welt früh bereist [...] und ich glaube, das hat alles viel hinterlassen, zu verstehen, wie viel Ungerechtigkeit und wie viel unrechte Verteilung es gibt und es war von Anfang an klar, dass ich das nicht akzeptieren möchte. 

Sie studierte Kommunikation, weil sie dazu beitragen wollte, dass Unternehmen Verantwortung übernehmen für das, was in der Welt passiert. Daran, den Familienbetrieb zu übernehmen, dachte sie als Studentin überhaupt nicht.

Ein unerwarteter Weg: So wurde Guya Merkle Unternehmerin 

Doch als sie 21 Jahre alt war, verstarb überraschend ihr Vater. Als einziges Kind und mit viel Verantwortungsbewusstsein entschied sie sich, das Familienunternehmen fortzuführen. Obwohl sich mit der Entscheidung unwohl fühlte und kaum Ahnung von diesem Geschäft hatte. Nach zwei Jahren ging die Firma pleite, zehn Menschen verloren ihre Jobs. 

Schuldgefühle darüber führten dazu, dass sie sich damit auseinandersetzen wollte, warum ihre Familie so fasziniert von Schmuck war. Um die ganze Materie besser zu verstehen, belegte sie am Gemological Institute of America in London Kurse zum Thema Schmuck und kam das erste Mal mit dem Rohstoff Gold in Berührung. Allerdings noch gar nicht von der problematischen, sondern der faszinierenden Seite.

Das finde ich bis heute wahnsinnig faszinierend. Weil seitdem Gold abgebaut wird, wird es auch immer wieder eingeschmolzen. Und ich fand die Vorstellung so toll, dass man vielleicht in dem Ring den man trägt, schon Gold drin hat, das Kleopatra in ihrer Krone hatte, weil es immer wieder benutzt wird.

Schockierende Zustände: Der Besuch in einer Goldmine

Auf einer Reise in Peru hatte sie zufällig die Gelegenheit, eine Goldmine zu besichtigen – ein lebensveränderndes Erlebnis. Der dreckige, gesundheitsschädliche Abbau schockierte sie: Sie roch das Quecksilber. Sprengungen ohne Sicherheitsvorkehrungen. Die Arbeiter trugen nicht einmal Schuhe. Dazu schlechte Bezahlung und Kinderarbeit.

illegalen Goldmine in Peru (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Georg Ismar/dpa)
Abraum einer illegalen Goldmine in Peru: Das Wasser ist überall mit Quecksilber belastet. Bild in Detailansicht öffnen
Illegale Goldgräber haben in Brasilien Schneisen in den Regenwald geschlagen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Martina Farmbauer)
Goldabbau fördert Zerstörung des Regenwaldes: Illegale Goldgräber haben in Brasilien Schneisen in den Regenwald geschlagen. Bild in Detailansicht öffnen
Das riesige Förderloch einer illegalen Goldmine in Kolumbien (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Das riesige Förderloch einer illegalen Goldmine in Kolumbien Bild in Detailansicht öffnen
Frauen und Minderjährige in einer Goldmine in Tansania (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Frauen und Minderjährige in einer Goldmine in Tansania. Es ist ohrenbetäubend laut, heiß und Dämpfe nehmen die Luft zum Atmen. Bild in Detailansicht öffnen
Industrieller Golddabbau: eine Goldmine in Westaustralien (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Zoonar | Alexander Ludwig)
Industrieller Golddabbau: eine Goldmine in Westaustralien Bild in Detailansicht öffnen

Es war so schlimm, dass ich es beschreibe als 'Ich habe kurz den Glauben an die Menschheit verloren'. [...] dass irgendjemand das, was ich da gesehen habe, in Kauf nimmt – und das auch noch unter dem Deckmantel 'Luxus' verkauft.

Erstmals war sie froh, dass sie ihre Firma verloren und mit diesen Missständen nichts mehr zu tun hatte. Doch es blieb auch ein Teil Scham, da ihre Familie in diesem System einen gewissen Wohlstand aufgebaut hatte.

Das wollte sie gerade rücken und verändern. 2012, mit 26 gründete sie die Stiftung „Earthbeat Foundation“ und setzt sich damit für die Aufklärung der Konsumenten, für nachhaltige Verbesserung der Produktionsbedingungen und die Fair-Trade-Zertifizierung von Goldminen ein.

Ich habe die Organisation gegründet, [...] um überhaupt aufzuklären, um den Menschen in den Minen ein Gesicht zu geben, um zu gucken: Was sind die Probleme? Wie können wir sie angehen?

Um das und ihr Leben zu finanzieren, verkaufte sie das Haus ihres Vaters. In der Branche wurde sie ausgelacht, bekam auch Droh-E-Mails. 

Die Gefahr war, dass wenn darüber berichtet wird, wie schlimm die Umstände sind im Rohstoffabbau – dass Unternehmen einfach was verändern müssen! Und das wollen Unternehmen natürlich nicht, [...] Ausbeutung kommt solchen Unternehmen auch zugute. Wir kriegen ja ganz günstig die Rohstoffe… die nicht in unserem Land vorkommen [...] Da haben natürlich erstmal alle Angst vor, weil es heißt ja, wir müssen was abgeben.

Nachhaltiges Unternehmen produziert Schmuck aus Handy-Gold

2015 gründet sie ihr eigenes Schmuckunternehmen und fokussierte sich auf recyceltes Gold für ihre Kollektion. Den Großteil kauft sie von einer niederländischen Firma, die sich zum Ziel gestellt hat, Elektroschrott zu reduzieren und darin verarbeitete Metalle wie Gold durch „Urban Mining“ wieder in den natürlichen Kreislauf zu bringen. 

In allen Handys, in Technik, in Laptops, in allem, was rechnen muss, ist Gold verbaut. [...] das Handy würde nicht funktionieren ohne Gold. [...] Auch an unseren Handys klebt ein bisschen Blut.

Guya Merkle: Gold-Aktivistin und Schmuckdesignerin (Foto: Alicia Kassebohm)

Man könnte meinen, die Welt zu verbessern, muss man sich auch leisten können,  denn die Gewinnmargen schrumpfen bei so viel Fairness um einiges. Doch Guya Merkle definiert Unternehmertum anders. Sehr viel Geld zu verdienen ist nicht ihre Motivation. Sie kann sich ein Gehalt auszahlen, mit dem sie leben kann, muss sich aber keine Privatjets und Häuser kaufen. Der Gewinn wird in die Veränderung, das heißt in die Verbesserung der Zustände gesteckt.

Und ich glaube, dass das auch ein bisschen das ist, was wir in Zukunft brauchen: Unternehmen, die nicht mehr nach Gewinnmaximierung streben, sondern nach Impact Maximierung. Weil wohin uns die Gewinnmaximierung bringt, das sehen wir aktuell an allen Ecken und Enden. Die Schere zwischen Reich und Arm wird immer größer. Die Ungerechtigkeit auf der Welt wird immer größer. Politische Systeme werden immer ungerechter.  
 
Und das ist natürlich immer der Treiber des: Wir brauchen mehr, mehr Kapital, mehr Geld und am Ende muss man sich auch fragen wieviel brauchen wir eigentlich? Also ich möchte auch gut leben, und ich möchte sicher leben. Und das schaffe ich natürlich, indem ich viel arbeite und es mache.  

Aber mein Unternehmen muss nicht die Millionengewinne machen, sondern das, was uns antreibt, ist, dass wir das, was wir über haben, in die Veränderung reinstecken.“ 

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