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Jessica Schnellbach
Jessica Schnellbach (Foto: SWR3)

Er kann verletzen, Beziehungen zerstören und schlechte Stimmung verbreiten – ein Streit löst selten gute Gefühle aus. Dabei kann er einer Beziehung beim Wachsen helfen, Beziehungstherapeutin Julia Henchen hat die Tipps!

Rate mal: Worüber streiten sich Menschen in Partnerschaften am meisten? Genau! Um Ordnung und Unordentlichkeit. Das hat die Elite-Partner-Studie 2020 herausgefunden. Da spielt es auch keine Rolle, ob die Beziehung erst wenige Monate oder Jahrzehnte andauert. Ordnung ist ein riesen Streitthema. Klar, was bleibt denn anderes übrig, als einen Streit anzufangen, wenn der Partner oder die Partnerin den Teller NEBEN statt IN die Spülmaschine stellt?! Es ist wichtig, Themen anzusprechen, die einen stören oder gar belasten. Das gilt nicht nur für Liebesbeziehungen, sondern auch für Freundschaften und die Arbeitskollegen. Obwohl oft gestritten wird, mögen es die Wenigsten.

Streit – woher kommt der schlechte Ruf?

Wir bewerten Streit oft als was Negatives anstatt es als förderlich anzusehen. Laut Henchen wird in Deutschland generell wenig diskutiert und kommuniziert.

Schon fast typisch Deutsch ist es ja auch, wenn man nach einem Streit sagt, dass man mit dieser Person nie wieder Kontakt hat. Dabei ist Streiten ist prinzipiell nicht schlecht. Ich will eine Lösung finden. Deshalb ist ein Streit nicht schlecht. Nur dann, wenn er nicht gelöst wird.

Kommunikation ist also ein wichtiges Stichwort. Wenn der oder die andere deinen Punkt nicht versteht, ist es auch nicht möglich, eine Lösung zu finden. Deshalb ist es wichtig, eine gute Streitkultur zu entwickeln. Die kann in jeder Beziehung anders aussehen.

Urlaub mit dem Partner Mit diesen Tipps streitest du dich nicht im Urlaub

Gefühlt kennt jeder jemanden, der sich im Urlaub oder direkt danach getrennt – oder sogar geschieden hat. Warum das so ist, wie du den Streit vermeidest und was du tun kannst, wenn es dann doch mal knallt.

Wie streiten wir richtig?

Zu einer guten Streitkultur gehört es, dass sich beide Seiten immer entschuldigen und auf diese Entschuldigungen auch ernsthaft eingehen.

Es geht darum, einen liebevollen Blick aufeinander zu haben. Vor allem nach dem Streit, denn im Streit geht das manchmal nicht.

Tipps für deinen nächsten Streit

  1. Um eine Lösung zu finden, ist es wichtig zu verstehen, um was es bei dem Streit eigentlich geht. Fehlt dir beispielsweise die Wertschätzung, Sicherheit oder siehst du deine Unabhängigkeit gefährdet? Setze dir ein Ziel, wie du aus dem Streit gehen willst.
  2. Geht es um ein Thema, das immer wieder aufkommt? Dann gebe deinem Gegenüber ein Signal und schlage vor, es diesmal anders als sonst anzugehen oder den Streit endlich zu lösen.
  3. Äußere dein Bedürfnis und sucht gemeinsam eine Lösung, mit der beide klarkommen.
  4. Versuche dein Gegenüber zu verstehen und nehme auch mal seine Perspektive ein.
  5. Sehe den Streit nicht als Kampf an, sondern eher als einen Austausch. Und es ist auch okay, wenn du am Ende eines Streits eine andere Meinung hast als zu Beginn.

Eine Lösung bedeutet nicht, dass beide super happy sind. Eine Lösung könnte sein, dass man auch Kompromisse eingeht, aber schon so, dass es für beide in Ordnung ist.

Ungelöste Konflikte sind nicht nachhaltig und sorgen für einen Stillstand. Das bedeutet im Umkehrschluss: In jedem Streit steckt Wachstumspotenzial für die Beziehung. Und das ist wohl Grund genug zu streiten, oder?! Auch Sabrina Kemmer und Max Oehl haben sich im Podcast Doktorspiele über das Thema Streit unterhalten. Die beiden können es nicht leiden zu streiten, sehen aber wie Julia Henchen die Vorteile eines Streits.

Etwas, was wir gar nicht so lernen, ist, dass wir auch unterschiedliche Meinungen haben dürfen. Ich und mein Partner haben an vielen Punkten mal eine unterschiedliche Meinung. So ist es halt, das ist ja nicht schlimm. Deshalb ist er so, wie er ist und ich halt so, wie ich bin. 

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4 No-Gos beim Streiten

Es gibt Verhaltensweisen, die der Lösung eines Streits im Weg stehen oder ihn sogar noch verschlimmern können. Jede Beziehung kann auch eigene No-Gos haben. Julia Henchen hat vier No-Gos, die für jeden Streit gelten – egal ob mit dem Partner, den Arbeitskollegen oder Freunden.

  • Schreien, sich beleidigen oder gar gewalttätig zu werden sind absolute No-Gos. In einer Partnerschaft kann so ein Verhalten auf eine toxische Beziehung hinweisen. Mit unserem Selbsttest kannst du herausfinden, ob du dich in einer toxischen Beziehung befindest und findest Tipps, wie du damit umgehen kannst.
  • Auch nicht förderlich für einen Streit ist es, wenn immer wieder über das gleiche Thema gestritten wird. Wenn du dich beim nächsten Streit bei diesem No-Go erwischst, nutze die Chance und mache ihn zum Go. Erarbeitet dafür für das Streitthema mit deinem Gegenüber eine Lösung.
  • Die Familie, bestimmte Eigenarten oder Geld: Egal ob mit Arbeitskollegen, Freunden oder in einer Liebesbeziehung gestritten wird – fast überall gibt es Tabuthemen, die in einem Streit nicht eingebracht werden sollten.
  • Werde nicht persönlich! Beleidigungen oder persönliche Angriffe stören bei der Lösung eines Streits.

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Emotionen im Streit

Gerade wenn du dich auf einen Streit nicht vorbereiten kannst, kann er emotional werden. Das ist nicht immer förderlich für die Lösung. Allerdings kannst du mit bisschen Übung deine Emotionen während eines Streits besser in den Griff kriegen:

  • Wenn du merkst, dass der Streit emotional wird, dann spreche das offen an. In dem Moment könnt ihr vom eigentlich Streitthema weggehen und das Thema auf eure Gefühlslage lenken. Macht euch bewusst, wie ihr euch geht und bespricht, was ihr tun könnt, damit der Streit nicht eskaliert. Eine Auszeit kann helfen. Geht allerdings nicht auseinander, ohne zu besprechen, wann der Streit fortgesetzt wird.

Sind Ich-Botschaften in einem Streit sinnvoll?

Für Julia Henchen machen Ich-Botschaften während eines Streits nur Sinn, wenn sie richtig angewendet werden und beide wissen, wie sie damit umgehen.  

Wenn jemand sagt: ‚Also ICH möchte dir jetzt aus MEINER Sicht mal was erzählen, weil ICH fühle mich hier gar nicht gesehen von dir und ICH fühle mich dabei richtig blöd‘, dann könnte der andere auch sagen: ‚Ja ich höre nur ICH.‘

Prinzipiell sei es gut über sich und seine Gefühle zu sprechen. Allerdings bringt das nicht viel, wenn die Kernbotschaft beim anderen nicht ankommt. Ich-Botschaften können dann helfen, wenn beide verstehen, was damit gemeint ist.  

Wenn du mit Ich-Botschaften kommunizieren willst, solltest du darauf achten, dass du lediglich deine eigenen Eindrücke, Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse äußerst. Mit einem Wunsch kannst du deine Ich-Botschaft abschließen.

Wann lohnt sich ein Zwiegespräch?

Wie mit vielen Tipps im Internet ist es auch beim Zwiegespräch so, dass sie nur sinnvoll sind, wenn du sie an der richtigen Stelle platzierst und anwendest.

Ein Zwiegespräch kann dann sinnvoll sein, wenn ich meine Kommunikation schulen möchte.

Für ein Zwiegespräch vereinbarst du mit deinem Partner, Freund oder Arbeitskollegen einen Termin, bei dem du deine Themen loswerden kannst. In diesem Termin hat jeder abwechselnd gleich viel Redezeit, ohne dabei unterbrochen zu werden. Im Anschluss werden die Aussagen besprochen.

Das funktioniert dann, wenn ich schon eine gute Streitkultur habe. Also wenn ich zugeben kann, dass die andere Person Recht hat mit der Kritik und beide sich auf eine Lösung einigen.

Streiten an Weihnachten

Die SWR3-Morningshow hat zu diesem Thema mit Psychotherapeut Luis Kymon aus Stuttgart gesprochen. Er sagt, dass es wichtig ist, Dinge vorher anzusprechen, die einem auf der Seele liegen: „Wenn ich auf Kosten der Harmonie etwas herunterschlucke oder wegdränge, dann knallt es“, so Kymon. Je eher man Dinge, die einen stören, anspreche, desto mehr Romantik habe man nachher. Und man tue es auch der Gesundheit zuliebe, denn so genannte „Streitvermeider“ haben einen viel zu hohen Cortisol-Wert laut Kymon. Cortisol ist ein Hormon, das für unseren Stresshaushalt verantwortlich ist. Je mehr Stress ich habe, desto mehr Cortisol wird ausgeschüttet. Das Hormon versetzt unseren Körper in Alarmbereitschaft. Deswegen sei es auch so wichtig, in den Konflikt hineinzugehen und konstruktiv auf Augenhöhe zu besprechen. „Das heißt ja nicht, dass man Streit suchen soll, aber ansprechen senkt definitiv den Stress“, so der Psychotherapeut.

Streitpotential bei Geschenken vermeiden

Außerdem empfiehlt Kymon, dass man auch so was wie Geschenke vorher immer bespricht. Nicht, was man schenkt, aber in welchem Rahmen man das macht, damit es später nicht zu Reibereien kommt.

Je nach Geschenkgröße kann das den ein oder anderen sonst vor den Kopf stoßen.

Deswegen: Lieber vorher ausmachen, wie viel jeder in etwa ausgibt, damit der andere sich darauf einlassen kann.

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